Schein und Sein - "Sensationelle" Einsteiger-Teleskope

 

 
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Manch ein Anbieter von Einsteiger-Teleskopen lockt mit extrem hohen Vergrößerungen, preist die hohe Qualität der Optik und lobt die Stabilität des Stativs. Häufig setzt er zudem auf die Unerfahrenheit der Interessenten. Und so mancher, der mit einem solchen Teleskop den Einstieg in die Astronomie versucht hat, hat frustriert wieder aufgegeben, und das Teleskop verstaubt nur auf dem Speicher. Vielleicht hilft dieser Artikel, den ein oder anderen Leser vor einer Enttäuschung zu bewahren.

Ein Anbieter, der zur Zeit in einem Internet-Auktionshaus sein Unwesen treibt, beschreibt sein Angebot besonders – sagen wir: kreativ. Hinzu kommt, dass er entweder selbst bar jeglicher Fachkenntnis ist oder – was die Sache noch schlimmer macht – auf einen Mangel derselben beim Käufer setzt.

Dies beginnt bei der Beschreibung des Herstellerunternehmens, das angeblich ein "Traditionsunternehmen" ist. Eine kurze Recherche im Internet zeigt, dass es sich bei diesem Unternehmen nicht um eine Firma, sondern um eine Marke handelt. Unter dieser Marke bietet ein Unternehmen, welches wiederum eine Tochtergesellschaft eines auf Leder- und Outdoor-Artikel spezialisierten Geschäftes ist, optische Artikel - darunter auch die beworbenen Teleskope – an. Nun will man diesem Unternehmen nicht eine gewisse Tradition absprechen, doch ist nicht ersichtlich, wie sie zur Kompetenz in Sachen Astronomie beiträgt.

Weiter geht es mit der Bezeichnung der Teleskope: In den Angeboten ist von einem "900mm-Reflektor" die Rede. Das klingt toll, entspricht aber nicht dem üblichen Sprachgebrauch. Denn darunter versteht der Astronom ein Teleskop mit 90 cm Spiegeldurchmesser. Der Anbieter meint aber: Brennweite. Nun verheimlicht er uns – ganz unten in der Beschreibung – nicht, dass der Spiegel tatsächlich einen Durchmesser von 76 mm hat. Man sollte hier also korrekterweise von einem "76/900 mm"- oder von einem "76 mm f/12"-Reflektor schreiben. Aber "900mm-Reflektor" klingt einfach nach mehr.

Optische Grenzen

Kann man diese Ungenauigkeit noch als sprachliche Schlamperei durchgehen lassen, so wird die nächste Behauptung allerdings sehr abenteuerlich, denn es lässt sich – so erfährt der erstaunte Leser – "in Verbindung mit der bis zu 450fachen Vergrößerung eine sensationelle Auflösung" erreichen. Diese Aussage ist ebenso fundiert, als würde ein Automobilhersteller sagen, dass die hohe Drehzahl des Motors einen großen Kofferraum ermöglicht. Auflösung und Vergrößerung haben schlicht und ergreifend nichts miteinander zu tun: Die Auflösung wird ausschließlich durch die Öffnung des Teleskops – hier 76 mm – und die Wellenlänge des betrachteten Lichts bestimmt, die Vergrößerung hingegen durch den Quotienten aus Teleskop- und Okular-Brennweite.

Auflösung

Was an der erreichbaren Auflösung "sensationell" sein soll, bleibt auch im Dunklen. Denn diese läßt sich leicht aufgrund physikalischer Gesetzmäßigkeiten errechnen. Als Auflösung bezeichnet man die Fähigkeit eines optischen Systems, zwei Punkte als getrennt darzustellen. Sie errechnet sich durch das Kriterium von Raleigh nach

rho = 1,22 * 2026264,8 * (lambda / D)

wobei lambda die Wellenlänge des Lichts und D der Durchmesser der Teleskopöffnung ist. Im grünen Bereich (bei lambda = 625 nm) beträgt sie also 2.03 Bogensekunden. Selbst im für eine Optik "wohlwollenden" roten Bereich (lambda = 500 nm) beträgt die Auflösung nur 1.6 Bogensekunden. Diese Werte gelten allerdings nur unter optimalen Bedingungen, also bei perfekter Optik, und vernachlässigen sogar noch die durch den Fangspiegel entstehende Obstruktion. Tatsächlich ist die erreichbare Auflösung geringer und dürfte damit nicht wesentlich besser sein die eines Fernglases mit 50 mm obstruktionsfreier Öffnung.

Vergrößerung

Kommen wir zur Vergrößerung: Diese errechnet sich aus dem Verhältnis der Teleskop-Brennweite (FTel) zur Okular-Brennweite (FOk):

V = FTel / FOk

Bei der gegebenen Brennweite von 900 mm lassen sich rechnerisch durch die mitgelieferten Okulare folgende Vergrößerungen ermitteln, wobei der Wert durch Einsatz der ebenfalls mitgelieferten Barlowlinse jeweils verdoppelt werden kann:

Ohne Barlow

Mit Barlow

20 mm

45

 

90

12,5 mm

72

 

144

4 mm

225

 

450

Das menschliche Auge hat ein Auflösungsvermögen von etwa 2 Bogenminuten (= 120 Bogensekunden). Hieraus lässt sich leicht bei der bekannten Auflösung einer Optik die maximal sinnvolle Vergrößerung errechnen:

Vmax = rho Auge / rho Optik

Nehmen wir den für die Optik günstigeren Wert von 1.6 Bogensekunden, so beträgt die maximal sinnvolle Vergrößerung für das 76mm-Teleskop:

Vmax = 120" / 1.6" = 75

Jegliche Vergrößerung, die darüber hinaus geht, bezeichnet man als leere Vergrößerung: Das erhaltene Bild wird lichtschwächer wird und gibt keine neuen Details preis, da das menschliche Auge an der Grenze seiner Auflösungsfähigkeit angelangt ist.

Als Faustregel gilt, dass die maximal sinnvolle Vergrößerung etwa dem Objektivdurchmesser in Millimetern entspricht.

Damit sind das 20mm- und das 12.5mm-Okular gut auf das angebotene Teleskop abgestimmt. Die durch das 4mm-Okular rechnerisch erreichbare Vergrößerung ist schlicht Unfug, und die Barlow-Linse bringt auch keine weiteren Erkenntnisse über das betrachtete Objekt. Es darf zurecht angezweifelt werden, dass diese sinnlosen Vergrößerungen "eindrucksvollste Beobachtungen am Sternenhimmel ermöglichen". Denn "praxisgerecht", wie vom selben Anbieter im Zusammenhang mit einer kleineren Ausgabe dieses Teleskops behauptet, sind sie nicht.

Spiegelqualität

Ausdrücklich wird auch der "exakt geschliffene Hauptspiegel ... mit seiner besonders fein vergüteten Spiegel-Oberfläche" gelobt. Leider erfährt man nicht, was der Autor unter Exaktheit versteht. Für die Güte eines Spiegels gibt es verschiedene Kennzahlen hinsichtlich seiner Reflexionseigenschaften und seiner sphärischen Korrektur. Sicher erwartet niemand von einem Teleskop dieser Preisklasse Wunder, doch sollte man keine Eigenschaft hervorheben, die – wie der Verfasser des Angebots richtig erkennt – "eine nicht unwesentliche Rolle bei der Bewertung" eines Teleskops spielt, wenn man nicht willens oder in der Lage ist, diese zu belegen.

Montierung und Stativ

Das beworbene Teleskop wird mit einer äquatorialen Montierung geliefert. Das ist ganz grundsätzlich löblich, ermöglicht es doch die Nachführung auf ein Objekt durch Drehen der biegsamen Welle in Rektaszension. Doch der erstaunte Leser erfährt, dass man damit im "Gegensatz zur azimutalen Montierung mit der Möglichkeit, das Gerät in 2 Achsen zu schwenken (senkrecht und waagerecht), ... dieses Teleskop die Bewegungsfreiheit in 4 Achsen (waagerecht, senkrecht, sowie Deklination und Rektaszension)" bietet. Was will der Autor damit sagen?

Wahrscheinlich dieses: Stellt man die Rektaszensionsachse senkrecht (Polhöhe 90°), so macht man aus einer äquatorialen Montierung eine alt-azimutale Montierung. Das mag nützlich sein, wenn man terrestrisch beobachtet, für die astronomische Beobachtung ist es aber irrelevant, da die Montierung ohnehin genau in Polhöhe und Meridian (Nord-Süd-Richtung) ausgerichtet werden muss. Die Rektaszensionsachse darf also gar nicht senkrecht stehen, sondern muss genau auf den Himmelspol zeigen. Was in dem Angebot als besondere Eigenschaft hervorgehoben wird, dient eher dazu, den Leser zu verwirren.

Das Stativ wird als "besonders standfest und stabil" beschrieben. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, aber ich habe noch nie in dieser Preisklasse ein Stativ gesehen, das mit diesen Attributen aufwarten konnte. Im Gegenteil: Die Fokussierung eines Objekts ist sehr schwierig, wenn das wackelige Stativ zu langen Ausschwingzeiten führt. Dies gilt insbesondere bei hohen Vergrößerungen (450fach :-).

Zubehör

Zum Lieferumfang gehören die bereits erwähnten Okulare. Hierbei handelt es sich um zwei Huygens- (20mm und 12.5mm) sowie um ein Ramsden-Okular (4mm), also um sehr einfache Bauarten mit zwei Plankonvexlinsen. Huygens-Okulare haben ein stark gekrümmtes Bildfeld und ein scheinbares Gesichtsfeld von 50°. Ramsden-Okulare zeigen insbesondere bei hohen Vergrößerungen starke Farbfehler; zudem muss man förmlich in das Okular hineinkriechen, um etwas zu sehen. Da die mit diesem Okular mögliche rechnerische Vergrößerung von 225fach ohnehin sinnlos ist, wird dieser Schönheitsfehler aber nicht weiter auffallen, weil das Okular nutzlos ist.

Dem Bild nach zu urteilen, hat das Teleskop einen Okularauszug mit 1.25 Zoll Durchmesser. Damit kann man wenigstens höherwertige Okulare anderer Hersteller nutzen.

Ausdrücklich gewarnt werden muss vor der Benutzung des Sonnenfilters. Er hat die Aufgabe, das Sonnenlicht so zu dämpfen, dass eine gefahrlose Beobachtung möglich ist. Genau dies ist hier aber nicht der Fall, da der Filter auf dem Okular angebracht wird. Es besteht die Gefahr, dass der Filter aufgrund der großen Hitze platzt, und das Sonnenlicht gebündelt in das nun ungeschützte Auge fällt, was zu irreparablen Schäden bis hin zur Blindheit führt. Will man die Sonne gefahrlos durch das Teleskop beobachten, so muss das Licht bereits vor dem Hauptspiegel gedämpft werden. Hierfür bietet zum Beispiel die Firma Baader Planetarium eine Folie an, aus der sich leicht ein Objektiv-Filter basteln lässt.

Preis

Das Teleskop wird derzeit bei eBay für 139 € angeboten, auf der Homepage des Händlers (er ist wohl gleichzeitig der Importeur) werden dafür 299 € verlangt. Damit entsteht der Eindruck, dass es sich hierbei um ein wahres Schnäppchen handelt.

Fazit

Abstrahiert man von der euphorischen und in vielen Punkten zumindest ungenauen, oft aber auch unsachlichen Beschreibung des Angebots, bleibt ein ganz gewöhnliches Kaufhaus-Teleskop, wie es alljährlich tausendfach über die vorweihnachtlichen Kaffeeröster-Theken geht, übrig. Die Gefahr ist groß, dass man als Käufer aufgrund der hohen Erwartungen enttäuscht wird. Wer den Einstieg in die Astronomie sucht, ist besser beraten, sich im Internet bei den etablierten Astronomie-Händlern zu informieren. Dort bekommt man für nur wenig mehr Geld – und erst recht für 299 € – bereits vernünftige Einsteiger-Geräte, die längerfristig Freude an der Astronomie bieten.

 

(© ev • Januar 2003)
 

 

 

 
   
 
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