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Die bei der Initialisierung notwendige Nord-Süd-Ausrichtung kann bei der Atlas M-70 sehr leicht dadurch bewerkstelligt werden, dass in dieser Position zwei Flächen vom Unterteil der Montierung und des "Achsenkreuzes" parallel übereinander stehen. Dies kann auch bei völliger Dunkelheit ertastet werden (siehe Abb. 4).
Drehmomentausgleich ohne GegengewichteDurch die Auswahl geeigneter Materialien und Bauteile konnte bereits entscheidend Masse reduziert werden. Ein noch viel größeres Einsparungspotential ergibt sich, wenn man einen Drehmomentausgleich findet, der auf Gegengewichte verzichtet. Hierzu muss man sich klar machen, dass das Gegengewicht keinem Selbstzweck dient, sondern dem Ausgleich des um die Rektaszensionsachse drehenden Drehmoments, welches durch das Produkt aus Tubusmasse und Hebelarm verursacht wird. Physikalisch ausgedrückt erzeugt es ein (idealerweise) gleich großes Gegendrehmoment, damit das Summendrehmoment gleich Null wird. Bei der Atlas M-70 wird der notwendige Drehmomentausgleich durch eine so genannte Drehfeder besorgt, auf der ein Seil auf einer Seilscheibe fixiert ist. Dieses Seil ist mit einem Mitnehmer auf dem "Achsenkreuz"verbunden, der bei Auslenkung in Rektaszension das Seil mitnimmt und damit die unter der Seilscheibe befindliche Drehfeder verdreht, was diese mit einem proportional zum Drehwinkel ansteigenden Drehmoment und folglich mit einer Zugkraft im Seil beantwortet (Abb. 5).
Hierdurch wird am Mitnehmer auf der Deklinationsscheibe mit
dem entsprechenden Hebelarm ein Gegendrehmoment erzeugt. Da
die Seilauslenkung dem Kosinus des Drehwinkels der Deklinationsscheibe
entspricht, entspricht auch das erzeugte Gegenmoment dem Kosinus,
der dem Drehmoment des Teleskops folgt (F ~ cos j).
Eine gute Darstellung dieser Thematik findet sich in [3],
wo eine ähnliche Lösung, allerdings mit einer normalen
Zugfeder, für Dobson-Montierungen vorgestellt wird. Die
Anpassung von verschiedenen Teleskop-Massen beziehungsweise
Polhöhen erfolgt durch einfaches Versetzen des Seilanfanges
auf der Seilscheibe und somit durch Anpassung der Vorspannung.
Dabei bleibt ein reines gravitatorisches Ungleichgewicht,
das die Montierung jedoch einwandfrei toleriert. Bereits beim "first slew" der Atlas M-70 zeigte sich, dass die Antriebe ein Teleskop von 8 kg sogar völlig ohne jeden Drehmomentausgleich gleichmäßig bewegen und beim Abschalten der Antriebe auch in Position halten. Das heißt, dass die Anpassung des Drehmomentausgleiches nur grob stimmen muss Änderungen durch angebautes, auch schweres Zubehör am Teleskop können also ohne Einbußen an Nachführ- und Positioniergenauigkeit vernachlässigt werden. Praktische Erfahrungen
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Abb. 6: Die Atlas M70 fällt trotz vergleichbarer Leistungsdaten deutlich kompakter aus als die GP-DX |
Nun ging es uns nicht nur darum, eine leichte, sondern vor
allem eine steife Montierung zu bauen. Bereits die ersten
Testläufe im Feld erfüllten die Erwartungen, doch
wollten wir uns nicht auf subjektive Eindrücke beschränken.
Aus diesem Grund wurden die Atlas M-70 und die GP-DX auf einem
Stativ befestigt, ein Intes MK67 mit Zenitprisma und 40-mm-Okular
wurde aufgesetzt und dann die Schwingungsamplitude gemessen.
Hierzu wurde mit einem Pendel (Teleskop in Südlage) auf
die Spiegelzelle ein definierter Impuls aufgebracht und am
vorderen Tubusrand per Beschleunigungssensor die Schwingungsamplitude
berührungslos aufgezeichnet (vgl. Abb. 7). Die Ausschwingzeit
der Atlas M-70 ist signifikant kürzer als die der GP-DX.
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Abb.7: Für einen quantitativen Vergleich der Steifigkeit wurden beide Montierungen einem Schwingungstest unterzogen (Beschreibung des Verfahrens s. Text). Dabei zeigte sich, dass das Verhalten der beiden Montierungen in den ersten 0.6 Sekunden ähnlich ist. Die Schwingung der Atlas-Montierung klingt nach ca. 1 Sekunde deutlich rascher ab (vergrößerte Darstellung innerhalb des Diagramms. |
Sowohl in den"Labortests" als auch im praktischen Einsatz konnte die Atlas M-70 ihre Stärken zeigen: Das Ansprechverhalten bei Feinbewegungen ist präziser als beim Referenzsystem. Die Gründe hierfür liegen in der um etwa 10 Prozent höheren Gesamtuntersetzung und in der Tatsache, dass kein Schneckenspiel überwunden werden muss. Auch das bereits angesprochene Schwingungsverhalten konnte überzeugen. Ein weiterer von uns zunächst nicht beabsichtigter Pluspunkt ist die geringe Geräuschentwicklung: Die Atlas M-70 wird trotz gleicher Motoren als deutlich leiser empfunden.
In einem Punkt sehen wir noch Optimierungsbedarf: Bei einer Getriebeabtriebsumdrehung in 9 Minuten wurde eine Gleichlaufschwankung von etwa ±20" gemessen. Dies stellt zwar bei visuellen Beobachtungen kein Problem dar, ist jedoch für dies Astrofotografie nicht akzeptabel. Da die Abweichung eines Leitsterns vom Soll-Ort kontinuierlich und nicht sprunghaft auftritt, kann dieser "periodische" Fehler jedoch relativ leicht kompensiert werden. Eine Korrektur mit PEC (Periodic Error Control) kommt hier nicht in Frage, da der Fehler nicht periodisch, sonder harmonisch, d.h. um einen Zahn in der Abtriebsübersetzung phasenverschoben ist. Der Fairness halber sei zugestanden, dass der periodische Fehler bei der GP-DX mit ungefähr ±10" geringer ausfällt.
Wir wollen mit diesem Projekt zeigen, dass das BIB-Syndrom ("Bigger is Better") zumindest bei Montierungen nicht mehr zeitgemäß ist, und moderne Materialien sowie eine darauf abgestimmte Konstruktion bei sehr viel weniger Materialeinsatz zum gleichen Ergebnis kommen. Hohe Steifigkeit und geringes Gewicht sind also nicht unbedingt Gegensätze.
Vielleicht ermutigen die Erfahrungen mit dem Atlas-Projekt andere Leser ebenfalls, neue Wege in diese Richtung zu beschreiten.
Zum Zeitpunkt des Erscheinens des Artikels in "Sterne und Weltraum" im Oktober 2000 [4] hielten wird das Problem des periodischen Fehlers noch für grundsätzlich lösbar. Zu unrecht, wie sich bei unserem nächsten Montierungsprojekt, der Atlas M-100, zeigen sollte. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine intrinsische Eigenschaft der Harmonic-Drive-Getriebe, die nicht durch konstruktive "Tricks" kompensierbar ist. Man sollte diesen Aspekt jedoch nicht überbewerten, denn für den visuell aktiven Beobachter ist es nicht von Belang. Der Astrofotgraf mag damit seine Probleme haben, doch stehen heute zahlreiche leistungsfähige Autoguider zur Verfügung, welche die Gleichlaufschwankung gut kompensieren können. Entscheidend ist nach unserer Meniung nicht die absolute Größe des periodischen Fehlers, sondern, dass er nicht sprunghaft und nicht mit hoher Steigung auftritt. Dann kann man mittlerweile selbst mit preiswerten Webcams und entsprechender Software eine effektive Nachführkontrolle realisieren.
Insgesamt halten wir diese Getriebe für eine sehr interessante Alternative im Montierungsbau, da sie spielfrei sind und enorme Drehmomente übertragen können. Uns ist keine andere Montierung bekannt, die ein Teleskop schadlos ohne Gegengewicht bewegen kann.
Der Verbreitung von Harmonic-Drive-Getrieben sind allein schon aufgrund des hohen Preises Grenzen gesetzt. Doch es muss ja nicht unbedingt ein neues Getriebe sein, wie Andreas Tesch [5] mit seinem "Godzilla-Projekt" beweist: Er hat einen ausgedienten Roboter-Arm zu einer stationären Montierung umgebaut und betreibt damit in seiner Sternwartenkuppel ein C8. Interessierte Selbstbauer werden auf seiner Homepage sicherlich einige Anregungen finden.
[1] H.D. Ziegler: Teleskopmontierungen und ihre elektronischen Einrichtungen (dort besonders S. 107) in G.D. Roth (Hrsg.): Handbuch für Sternfreunde, Band 1, 4. Auflage 1989, Springer-Verlag.
[2] Nähere Informationen zu den Getrieben
der Firma Harmonic Drive auf der Web Site des Unternehmens:
http://www.harmonicdrive.de.
Dort wird auch die Funktionsweise
dieser Getriebe sehr anschaulich erklärt.
[3] Tom Krajci: A Balancing Act for Dobsonian Telescopes in: Sky & Telescope, 11/99, S.130.
[4] Sterne und Weltraum (Oktober 2000), S. 890-893
[5] Homepage von Andreas Tesch: http://boatteam.bei.t-online.de.