Die Montierung: Atlas M-100

 

 
 

Bereits kurz nach der Fertigstellung der in "Sterne und Weltraum" 10/2000 vorgestellten Atlas M-70 begannen Dietmar Böcker und ich über ein Nachfolgemodell nachzudenken. Hatten wir die "kleine" Atlas noch als Prototyp und "Proof of Concept" betrachtet, so wollten wir jetzt eine Montierung mit weniger als 10 kg Masse und der Tragfähigkeit eines C11 auf die Stativ-Beine stellen. Der Bericht über die Atlas M-70 war gerade erschienen, als sich zwei Sternfreunde aus Franken, Christian Kuhn und Frank Niebling, bei uns meldeten und Interesse an einer Mitwirkung bei Konstruktion und Bau der neuen Atlas M-100 bekundeten. Also beschlossen wir, eine Kleinserie von vier Exemplaren aufzulegen.

Die wesentlichen Konstruktionsziele waren schnell abgesteckt. Neben der geringen Masse und einer hohen Tragkraft sollte die Montierung folgende Merkmale aufweisen:

  • Minimale Hebelarme

  • Anschlußmöglichkeit für unterschiedliche Schwalbenschwanz-Kupplungen

  • Verbesserte Polhöhenklemmung

  • Spielfreie und gleichzeitig leichtgängige Polhöhenverstellung

  • Verzicht auf Gegengewicht

  • Rascher Aufbau und leichtes Handling

  • Kompakte Abmessungen

In den nun folgenden Monaten wurden Baupläne gezeichnet, hin- und hergeschickt, in langen Telefonaten und bei persönlichen Treffen diskutiert und geändert, bis wir schließlich alle zufrieden waren. In weiser Voraussicht habe wir uns entschlossen, zunächst eine Montierung zu bauen, diese zu testen und erst dann die Bauteile für die restlichen Exemplare fertigen zulassen. Frank und Christian haben dieses erste Exemplar nach La Palma mitgenommen und auf dem Roque de los Muchachos ausgiebig geprüft. Dabei stellte sich heraus, dass die ursprünglich geplante Anbindung der Stativ-Beine an den Stativ-Kopf nicht optimal gelöst war. Ansonsten hatte die Montierung alle Tests mit Bravour bestanden.

Statische Eigenschaften

Um eine möglichst hohe Steifigkeit der Montierung zu erreichen, wurden der Polhöhenblock sowie der Rektaszensions- und der Deklinationsblock konsequent in Kastenform ausgebildet. Auf diese Weise ist gewährleistet, dass die Montierung kaum Elemente enthält, die in Schwingung geraten können. Als Material wurde eine Aluminium-Legierung gewählt, wie sie auch im Flugzeugbau verwendet wird. Zudem wurde das Material nach der Herstellung in einem speziellen Verfahren sehr langsam abgekühlt (so genannte "warme Auslagerung"). Im Vergleich zur wesentlich einfacher zu bewerkstelligenden Kaltauslagerung weist dieses Material eine etwa dreifach höhere Festigkeit auf und lässt sich mit größerer Präzision bearbeiten.

Je geringer die Heblarme einer Montierung sind, desto günstiger ist das Schwingungsverhalten. Aus diesem Grund wurde die Altas M-100 möglichst kompakt gestaltet: Die Hebelarme konnten wir durch Verwendung von Harmonic-Drive-Getriebeeinheiten weitgehend minimieren.

 

 

Polhöhenblock

Betrachtet man kommerzielle Montierungen, so fällt auf, dass der Polhöhenblock im Vergleich zur Gesamtgröße der Montierung oft sehr zierlich ausfällt: Der RA-Block wird in diesen Fällen nur an einer schmalen Stelle an einer geringen Fläche geklemmt und sitzt oberhalb der Drehachse. Wird ein schweres Teleskop an einer solche Montierung betrieben, entstehen Kippmomente, welche die Last in Ost-West-Richtung förmlich "taumeln" lassen. Der Grund für dieses Konstruktionsmerkmal dürfte darin liegen, dass die Hersteller eine Verstellung der Polhöhe über eine simple Stellschraube bevorzugen. Übrigens verwendete auch die Atlas M-70 dieses Prinzip.

Hier stellt die Atlas M-100 eine signifikante Verbesserung dar: Sie nutzt die ganze Breite des RA-Blocks zur Klemmung, wodurch bereits eine höhere Kippsteifigkeit erzielt wird. Zudem wird ein großer Teil des RA-Blocks als Klemmfläche benutzt, was den Effekt nochmals verstärkt.

Verstellung von Polhöhe und Azimut

Damit hatten wir uns natürlich die übliche Art der Polhöhenverstellung durch eine mittige Stellschraube förmlich "verbaut" und mussten sie nach außen legen. Die Lösung ist ebenso einfach wie effektiv: In die Seitenwangen des Polhöhenblocks wurde jeweils ein Kreisbogen gefräst. An der Westseite befindet sich eine Gewindestange, die durch einen Zylinder mit M6-Innengewinde geführt und unten in einer "Öse" kugelgelagert verankert ist. Durch den Zylinder und den RA-Block läuft nun eine Achse, die auf der Ostseite mit einer Flügelschraube angezogen beziehungsweise gelöst werden kann.

Die Verstellung der Polhöhe erfolgt nun, indem man zunächst die Klemmung des Polhöhenblocks und anschließend die Flügelschraube auf der Ostseite löst. Durch Drehen des Kordelgriffs an der Gewindestange kann man nun die Polhöhe leichtgängig und vor allem spielfrei einstellen. Anschließend zieht man die entsprechenden Schrauben an beiden Seiten an und klemmt so den RA-Block wieder.

Eine Umdrehung an der Gewindestange entspricht einer Änderung der Polhöhe um 1 Grad. Damit kann die Polhöhe leicht und präzise justiert werden. Die Drehrichtungen der Verstellung sind auf dem Bedienknopf eindeutig erkennbar: "+" für die Vergrößerung der eingestellten Polhöhe und "–" für eine Verkleinerung. Dies gilt auf der Nord- und auf der Südhalbkugel gleichermaßen.

Die Azimutverstellung wurde konventionell gelöst: Mittels zweier ebenfalls beschrifteter Schrauben kann die Montierung um etwa 5 Grad nach Ost oder West verdreht werden. Anschließend wird die zentrale Schraube, die Montierung und Flanschkopf des Stativs verbindet, "handwarm" angezogen.

In der Praxis haben sich die beiden Justage-Einrichtungen als sehr feinfühlig und genau erwiesen. Auch unter großer Last können Polhöhe und Azimut ruckfrei eingestellt werden, wodurch sich das Einnorden der Montierung sehr leicht gestaltet. Auch die bei vielen Montierungen bemerkbare Verstellung durch das erneute Anklemmen des Polhöhenblocks und der Azimutverstellung entfällt bei der ATlas M-100

Getriebe

Der Antrieb der beiden Achsen erfolgt über spezielle Harmonic Drive™ Getriebe mit integrierter Abtriebslagerung. Diese Getriebe werden hauptsächlich dort eingesetzt, wo hohe Anforderungen an Belastbarkeit und Präzision gestellt werden. So finden sich diese Getriebe in Industrierobotern ebenso wie beispielsweise im Mars Rover "Sojourner" oder in den Verstellgliedern der aktiven Optik des Very Large Telescope der ESO in Chile. Gegenüber den sonst im Montierungsbau eingesetzten Kombinationen aus Schnecke und Schneckenrad weisen die Getriebe der Atlas 100 wesentlich höhere Drehmomentkapazitäten bei gleichzeitiger absoluter Spielfreiheit und kompakten Abmessungen auf. Bei der Abtriebslagerung handelt es sich um ein Präzisions-4-Punktlager der anspruchsvollsten Toleranzklasse.

Für die Atlas M-100 wählten wir eine komplette Getriebeeinheit mit einer Übersetzung von i=160 aus, die ein HD-Getriebe mit einem sehr kippsteifen Kreuzrollen-Abtriebslager kombiniert. Damit konnten wir auf eine zusätzliche Abtriebslagerung verzichten, was Konstruktion und Bau der Montierung sehr vereinfacht hat: Die komplette Einheit wird lediglich mit dem entsprechenden Block verschraubt. Lediglich die Eingangswelle muss noch gelagert werden. Im Vergleich mit dem bei der Atlas-M70 verwendeten Getriebe ergibt sich auch eine erhöhte Torsionssteifigkeit.

Die ebenfalls verbesserte Drehmomentkapazität veranlasste uns zu der Annahme, dass wir – zumindest innerhalb bestimmter Grenzen – auf ein Gegengewicht zur Kompensation des rotatorischen Ungleichgewichts verzichten können. Rein rechnerisch sollte dies bis zu einem Gerät in der Größenordung eines C-11 möglich sein. Diese Annahme stellte sich allerdings in der Praxis als falsch heraus – wenngleich aus überraschenden Gründen. Doch dazu später mehr.

Antrieb

Die Atlas M-100 ist primär für die Ansteuerung mit dem Skysensor 2000PC ausgelegt, was die Verwendung von DC-Motoren bedingt. Der Antrieb wurde so realisiert, dass die Abtriebswelle des Getriebes der originalen MT-2-Motoren die HD-Getriebe direkt antreibt, was für einen optimalen Kraftschluss sorgt. Die Untersetzung der Motoren beträgt i=36, so dass eine im Vergleich zu vielen anderen Montierungen hohe Gesamtuntersetzung von i=5.760 erzielt wird. Dies ist notwendig, um die Motoren bei hoher Last nicht zu ruinieren.

Die Kabel der Atlas 100 sind – soweit möglich – innen verlegt. Der Anschluss der Stromversorgung, der Motoren und des Bedienteils der Steuerung erfolgt über eine zentrale Anschlußbox auf der Nordseite der Montierung.

Die Atlas 100 ist im Vergleich zu vielen anderen Montierungen extrem leise: Dies liegt sowohl an den gedämpften Motoren als auch an den äußerst geräuscharmen Hauptgetrieben. Mit der Atlas 100 kann man sich also ruhigen Gewissens wieder auf Teleskoptreffen blicken lassen.

Erste Erfahrungen

Nachdem wir die Montierung fertig gestellt hatten, waren wir natürlich begierig, Erfahrungen damit zu sammeln. Mangels guten Beobachtungswetters haben wir zunächst einmal einen Trockentest durchgeführt. Wir wollten wissen, ob die HD-Getriebe tatsächlich die versprochene Drehmomentkapazität aufweisen: So haben wir an der Teleskopaufnahme eine Masse von 10kg in einer Entferung von 90 cm waagerecht vom Drehpunkt angebracht – dies entspricht einem Drehmoment von 90 Nm. Und siehe da: Die Montierung hat sich noch einwandfrei bewegt. Dies ließ uns hoffen, dass wir auch grosse Teleskope ohne Gegengewicht an der Atlas M-100 betrieben können.

Nach einigen Wochen konnten wir dann tatsächlich am Stern testen und haben für mehrere Nächte unsere Augen nicht mehr vom Messokular weg bekommen. Bei kleinen Refraktoren (z.B. einem Televue Genesis sdf) lief die Montierung sehr zufrieden stellend – selbst ohne Gegengewichte. Bei größeren Belastungen (z.B. Intes Micro Alter 703 mit parallel montiertem Genesis und 300mm f/4 Teleobjektiv) kam es jedoch zu zwei unerfreulichen Erscheinungen:

  1. Das Sternabbild war in Ost-West-Richtung etwas elongiert, ein klarer Hinweis auf eine hochfrequente Schwingung.

  2. In unregelmäßiger Folge kam es zu "Sprüngen" des Objekts innerhalb des Okulars

Nach eingehenden Analysen stellte sich heraus, dass die MT-2-Motoren des Skysensor 2000PC nicht genügend Durchzugskraft besaßen, beziehungsweise deren Ansteuerung nicht mit den auftretenden Kräften zurecht kam. Die Steuerung hat sich regelrecht "aufgeschaukelt", was zu den beschrieben Effekten geführt hat.

Also mussten – zumindest bei schwereren Geräten – doch Gegengewichte angebracht werden. Als zusätzliche Maßnahme wurden bei einer Montierung die Original-Motoren gegen die wesentlich stärkeren Motoren der GT-One von Williams Optics ausgetauscht.

Wie jedes Getriebe weisen auch die Harmonic-Drive-Getriebe während eines Umlauf eine Abweichung von der Soll-Position auf - bei Montierungen mit herkömmlichem Schneckenradantrieb auch als "periodischer Fehler" bekannt. Dieser Fehler erscheint jedoch bei der Atlas M-100 streng genommen nicht periodisch, sondern auf Grund der Eigenheiten der Getriebes tritt er nach einer Abtriebsumdrehung (540 Sekunden) um einen Zahn versetzt auf. Man spricht hierbei von einem "harmonischen Fehler". Aufgrund dieser Eigenheit ist der Fehler also nicht mit einer PEC auszugleichen, da diese von einer präzisen Wiederholung des Fehlers nach einer Abtriebsumdrehung ausgeht.

Eine quantitative Messung des harmonischen Fehlers ergibt einen Wert von ± 15". Damit liegt die gesamte Montierung innerhalb der Getriebespezifikation - das heißt, dass keine zusätzlichen Fehlerquellen festzustellen sind. Dieser Wert erscheint – verglichen mit den besten Montierungen auf dem Markt – zunächst sehr hoch. Jedoch treten Änderungen nicht sprunghaft, sondern kontinuierlich auf. Damit ist es möglich, die Montierung mittels eines Autoguiders auch für Langzeitfotografie zu nutzen, wie die folgende, erste Testaufnahme zeigt.

Die Belichtungsdauer entsprach mit 540 sec einer Abtriebsumdrehung. Der 4.7m helle Stern ist n Aql mit einer Deklination von +0° 20' 19", das Aufnahmegerät war ein Genesis sdf 4" f/5.4. Das Bild oben ist auf 30 Prozent reduziert, und das Inset zeigt den Ausschnitt um n Aql in Originalgröße.

Natürlich wollten wir der Atlas M-100 auch einen hochwertigen Unterbau spendieren und haben ein spezielles Stativ – Atlas T-100 genannt – konstruiert: Es besteht aus CFK-Rohren und dem selben hochfesten Alumium wie die Montierung. Durch diese leichten Werkstoffe konnte ein sehr steifes Stativ mit hoher Tragkraft und einem Gewicht von ca. 4,5 kg realisiert werden.

Das Atlas T-100 hat teleskopierbare Beine aus Kohlefaser verstärktem Kunststoff (CFK), die eine stufenlos verstellbare Arbeitshöhe von 70cm bis 110cm ermöglichen.

Die häufigste Schwachstelle kommerzieller Stative liegt bei der Anbindung der Stativbeine an den Flanschkopf, die zumeist über eine Klemmung von geringer Fläche erfolgt. Eine geringe Torsionssteifigkeit solcher Stative ist die Folge. Wir sind hier einen anderen Weg gegangen und haben aus einem massiven Alu-Flanschteller 50 mm tiefe, Zylinder förmige Aufnahmen für die CFK-Rohre auf Passung ausgefräst. Hierdurch ergibt sich eine Klemmfläche von etwa 70cm2 für jedes CFK-Rohr. Zusätzlich werden die Rohre mit einer Andruckschraube geklemmt. Vergleiche mit Stativen ähnlicher Größenordnung haben gezeigt, dass die gewählte Konstruktion wesentlich steifer und deutlich weniger torsionanfällig ist. Trotz des massiven Flanschkopfes wiegt das Stativ lediglich 4,5 kg.

Technische Daten

Allgemeines

 

Eigenmasse

9,5 kg

Tragfähigkeit (fotografisch)

20 kg

Polhöhenbereich

20° bis 55°

Verstellbereich in Azimuth

± 5°

Gehäusematerial

Aluminium 6060, CNC-gefräst

 

 

Achsen und Antriebe

 

Innendurchmesser der Antriebslager in RA

62 mm

Innendurchmesser der Antriebslager in DEC

62 mm

Untersetzung der Hauptgetriebe in beiden Achsen

i=160:1

Gesamtuntersetzung

i=5.760:1 ... i=16.000:1
(abhängig vom verwendeten Stirnradgetriebe)

Übertragbares Dauerdrehmoment

176 Nm

Maximales Drehmoment

314 Nm

Wiederholgenauigkeit der Hauptgetriebe

± 5"

max. Periodischer Fehler

± 15"

Getriebespiel

± 0"

 

 

Steuerung

 

Steuerung

Skysensor 2000 PC

   

Stativ

 

Eigenmasse

4,5 kg

Einstellbereich

ca. 65 cm bis 105 cm
bis Oberkante Flanschteller

Material

CNC-gefrästes Aluminium 6060
und Kohlefaser verstärkter Kunststoff

45 mm
42 mm

Wandstärke der CFK-Rohre

1,5 mm

Untersetzung der Hauptgetriebe in beiden Achsen
 
 

 

 

 

 
   
 
© 2002-2010 by - Impressum